Samstag, 16. Januar 2016

Ein Rundgang durch die Kurtisanen-Ausstellung / 10

Galerie Tremlays / Tremlays Gallery


A walk by the courtesan's exhibition / 10


Raum 10: Obergeschoss, Erstes Zimmer links (Nr. 101): Der Ursprung der Welt

Room 10: Upper floor: The first room on the left (No. 101): The origin of the world

 

 

 

Der Raum im Obergeschoss ist Gustave Courbet gewidmet, dessen Aktbilder regelmäßig Skandale verursachten. Denn Courbet war der erste, der es gewagt hat, Prostituierte zu malen und öffentlich auszustellen. 

Im Zentrum des Raumes hängt über dem Bett eines seiner berühmtesten Bilder: "L´Origine du monde" (Der Ursprung der Welt). Courbet konzentriert sich in dem Bild auf die unverhüllte, sehr realistisch wiedergegebene Darstellung des weiblichen Geschlechts. Die Vulva wird als der Ursprung alles Lebens präsentiert; gerade die beabsichtigte Schlichtheit der Komposition führt den Betrachter zum Wesentlichen. Auf die Zeitgenossen Courbets muss dieses Bild wie eine direkte Aufforderung zum Geschlechtsakt gewirkt haben. Solch ein Gemälde war natürlich nicht für die öffentlichen Kunstsalons bestimmt. Vielmehr handelte es sich um eine Auftragsarbeit, die Halil Şerif Pascha, ein Diplomat des Osmanischen Reiches, bei Courbet bestellt hat. Erst 1988 wurde es vom Brooklyn Museum in New York erstmals öffentlich gezeigt. 1995 konnte der französische Staat das Bild erwerben; seitdem hängt es im Musee d´Orsay in Paris. Obwohl es der Öffentlichkeit eine lange Zeit entzogen war, stellt das Bild einen Wendepunkt in der Geschichte der Malerei dar.

 

 

 

The room in the upper floor is dedicated to Gustave Courbet whose nude portraits caused scandals regularly. Since Courbet was the first one who dared to paint prostitutes and to exhibit publicly.

In the centre of the room one of his most famous paintings hangs over the bed:" L´Origine du monde" (The origin of the world). Courbet concentrates in the picture upon the uncovered, very realistically effected representation of the female gender. The vulva is presented as the origin of all life; just the deliberate simplicity of the composition leads the viewer to the essentials. On the contemporaries of Courbet this picture must have worked like a direct demand for sexual act. Such a painting was not determined of course for the public art salons. Rather it was a commissioned work, which Halil Şerif Pasha, a diplomat of the Ottoman Empire, ordered from Courbet. Only in 1988 it was shown
for the first time publicly by Brooklyn Museum in New York. In 1995 the French state could acquire the painting; since this year it hangs in the Musee d'Orsay in Paris. Although it was taken away from the public for a long time, the picture shows a turning point in the history of painting.

 

 

 

Ein Rundgang durch die Kurtisanen-Ausstellung / 9

Galerie Tremlays / Tremlays Gallery


A walk by the courtesan's exhibition / 9


Raum 9: Obergeschoss, Korridor: Die Sünde

Room 9: Upper floor, Corridor: The sin

 


Die Prostituierte verdeutlicht die Schattenseite der Gesellschaft. Seit sie in der Apokalypse als "Große Prostituierte" zum Sinnbild von Bedrohung und Korrumption geworden ist, projektieren Männer ihre finsteren Ängste vor Frauen auf sie. Zugleich verkörpert sie aber auch die Phantasien und Wunschvorstellungen der Männer. Die Ambivalenz aus Reiz und Bedrohlichkeit hat der Münchner Maler Franz von Stuck in seinem großen Gemälde "Die Sünde" von 1893 eindrucksvoll in Szene gesetzt: 

Am Ende des dunklen Korridors steht eine geheimnisvolle Frauengestalt. Sie wird von einer schweren, großen Schlange umrankt, die ebenso bedrohlich wie die Frau den Betrachter anschaut.

 

 

The prostitute makes clear the shadow side of the society. Since she has become the symbol of menace and corruption in the apocalypse as "big prostitute", men project their dark fears of women on her. However, at the same time she also embodies the imagination and desirable images of the men. The Munich painter Franz von Stuck has put the ambivalence of charm and menace impressively in scene in his huge painting "The sin" of 1893:

At the end of the dark corridor there stands a mysterious women's shape. She is twined around with a heavy big snake who looks at the viewer as menacingly as the woman.


Ein Rundgang durch die Kurtisanen-Ausstellung / 8

Galerie Tremlays / Tremlays Gallery


A walk by the courtesan's exhibition / 8


Raum 8: Treppenhaus: Hinter den Kulissen

Room 8: Stairwell: Behind the scenery

 

 

Dadurch, dass Henri de Toulouse-Lautrec in einem Bordell lebte, bekam er das alltägliche Leben dort aus erster Hand mit. In seinen Bildern zeigte er wie keiner, was sich hinter den Kulissen, verborgen für den gewöhnlichen Besucher, abspielte: 

Der Wäschemann, der die benutzte Bettwäsche fortringt, die Prostituierten, die zur regelmäßigen Gesundheitskontrolle beim Amtsarzt angetreten sind, Mädchen bei der Körperpflege, Mädchen, denen die Bordellwirtin beim Ankleiden und Schnüren des Korsetts hilft, Mädchen, die sich in ihrer freien Zeit von den Freiern auf dem Sofa erholen.

 

 


By the fact that Henri de Toulouse-Lautrec lived in a brothel he got the everyday life there directly. In his pictures he pointed out what happened behind the scenery, concealed to the usual visitor: 

The laundry man who takes away the used bedclothes, the prostitutes who have lined up to the regular health control with the public health officer, girls at their personal care, girls whom the brothel madam helps in dressing and with the string of the corsett, girls who recover in their free time of the suitors on the sofa.

Ein Rundgang durch die Kurtisanen-Ausstellung / 7

Galerie Tremlays / Tremlays Gallery


A walk by the courtesan's exhibition / 7


Raum 7: Hinterzimmer: Ein Bordell in Arles

Room 7: Back room: A brothel in Arles



Im Februar 1888 übersiedelte Vincent van Gogh von Paris nach Arles. Er malte dort unter anderem im Bordell der Stadt. Seine Pariser Malerfreund Emile Bernard besuchte van Gogh in Arles; eines seiner Bilder zeigt den Freund in der Schankstube des Hauses. Im Vergleich zu den farbenfrohen Aquarellen aus der Rue de Moulins dokumentieren die Bilder von van Gogh und Bernard ein typisches Kleinstadt-Bordell in der französischen Provinz




In February, 1888 Vincent van Gogh moved from Paris to Arles. He painted there, among the rest, in the brothel of the town. His painter's friend Emile Bernard visited van Gogh in Arles; one of his pictures shows the friend in the tavern of the house. In comparison to the colorful watercolors of the Rue de Moulins the pictures of van Gogh and Bernard document a typical provincial town brothel in the French province.



Ein Rundgang durch die Kurtisanen-Ausstellung / 6

Galerie Tremlays / Tremlays Gallery


A walk by the courtesan's exhibition / 6


Raum 6: Korridor: Die Rue de Moulins

Room 6: Corridor: The Rue de Moulins

 

 

Im Korridor auf der Rückseite der Galerie sehen wir das Leben in der Rue de Moulins anhand der Zeichnungen von Henri de Toulouse-Lautrec. Die Rue de Moulins war ein Zentrum des Pariser Nachtlebens und Toulouse-Lautrec lebte hier in den Jahren 1893 und 1894. Auf seinen farbigen Zeichnungen erhalten wir Einblicke in die Etablissements. Wir begegnen Tänzerinnen auf dem Weg zu ihrer Arbeit, Schauspielerinnen auf der Bühne, Akrobatinnen vor ihren Auftritten, Freiern, die sich umsehen und Besuchern der großen Revues.

In the corridor at the back of the gallery we see the life in the Rue de Moulins with the help of the drawings of Henri de Toulouse-Lautrec. The Rue de Moulins was a centre of the Paris nightlife and Toulouse-Lautrec lived here in the years 1893 and 1894. On his coloured drawings we receive insights into the establishments. We meet dancers on the way to their work, actresses on the stage, acrobats before their appearances, suitors who look around and visitors of the big revues.

Samstag, 9. Januar 2016

Ein Rundgang durch die Kurtisanen-Ausstellung / 5

Galerie Tremlays / Tremlays Gallery
 

  A walk by the courtesan's exhibition / 5


Raum 5: Kleiner Saal rechts: Soziale Realität

Room 5: Small hall on the right: Social reality



Hinter den glanzvollen Kurtisanen und den prächtigen Maskenbällen in der Oper verbarg sich die Kehrseite, die mehr mit der sozialen Realität zu tun hatte: Alkoholabhängigkeit, Zwangsprostitution und ansteckende Geschlechtskrankheiten. Edouard Manet, Edgar Degas und Vincent van Gogh stellten die verheerende Wirkung von Absinth und Pflaumenbranntwein dar. Besonders die Grüne Fee, wie der Absinth aufgrund seiner hallizunatorischen Wirkung genannt wurde, erwies sich als verhängnisvoll: Der sowohl in Künstler- wie in Halbweltkreisen beliebte Kräuterlikör, der hauptsächlich aus Wermut, Anis und Fenchel hergestellt wurde, konnte durch den Gehalt an Thujon und Methanol bei übermäßigem Genuß zu Schwindel, Wahnvorstellungen, Depressionen, Krämpfen, Schüttellähmung und Blindheit führen. Bis 1914, als der Absinth in seiner alten Form verboten wurde, hat sich der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch bei der erwachsenen Bevölkerung Frankreichs auf 30 Liter gesteigert. 




Die Zwangsprostitution wurde von französischen Malern kaum thematisiert, obwohl sie auch in Frankreich - wie in allen Ländern Europas - verbreitet war. Eine Ausnahme stellt die Zeichnung "Gefällt sie Ihnen?" von Hermann Vogel dar, die zwar von einem aus Deutschland stammenden Künstler angefertigt wurde, aber in der Pariser Cartoon-Zeitschrift "L'assiette au beurre" (Der Butterteller) erschien und auf die Leser bestürzend wirkte: Eine alte Frau bietet ein junges Mädchen, womöglich ihre Tochter, einem wohlhabenden älteren Herrn an. Weitaus drastischer wurde das Thema in späteren Jahren aufgegriffen; Beispiele in der Ausstellung stammen von dem dänischen Maler Aksel Waldemar Johannessen (1915) und dem Schweizer Maler Johann Robert Schürch (1941). Welches Leid die Zwangsprostitution den betroffenen Frauen zufügte, zeigte der norwegische Künstler Edvard Munch in seinen Bildern.



Behind the glittering courtesans and the splendid fancy-dress balls in the opera the reverse was hidden which dealt more with social reality: Alcohol dependence, compulsive prostitution and contagious venerous diseases. Edouard Manet, Edgar Degas and Vincent van Gogh showed the disastrous effect of absinthe and plum brandy. Particularly the green fairy, as the absinthe was called on account of his hallucinatory effect, turned out fateful: The herb liqueur, in artist like in demimonde circles popular, which was produced primarily of vermouth, aniseed and fennel could lead by the content of thujone and methanol with excessive use to dizziness, delusions, depressions, cramps, agitated paralysis and blindness. Until in 1914 when the absinthe was forbidden in his old form the annual pro-head consumption has increased with the adult population of France on 30 litres.




The compulsive prostitution was hardly picked out as a central theme by French painters, although it was also spread in France - like in all countries of Europe-. An exception shows the drawing "Does she occur likely to you?" of Hermann Vogel which was made though by an artist coming from Germany, but appeared in the Paris cartoon magazine "L'assiette au beurre" (The butter plate) and on which reader looked dismaying: An old woman offers a young girl, possibly her daughter, to a well-to-do older man. By far more drastically the subject was taken up during later years; examples in the exhibition come from the Danish painter Aksel Waldemar Johannessen (1915) and the Swiss painter Johann Robert Schürch (1941). Which grief the compulsive prostitution added to the affected women, the Norwegian artist Edvard Munch pointed out in his pictures.


 

Sonntag, 3. Januar 2016

Ein Rundgang durch die Kurtisanen-Ausstellung / 4

Galerie Tremlays / Tremlays Gallery
 

A walk by the courtesan's exhibition / 4


Raum 4: Eckpavillon rechts: Zweideutigkeit im öffentlichen Raum

Room 4: Corner pavilion on the right: Ambiguity in the public space

 



Im öffentlichen Raum einer Großstadt des 19. Jahrhunderts vermischten sich ehrbare Frauen, Gelegenheitsdirnen und professionelle Kurtisanen oftmals. Obwohl tagsüber Straßenprostitution verboten war, gab es im öffentlichen Raum immer wieder Situationen, die zweideutig waren oder die zumindest falsch verstanden werden konnten. Die Maler haben solche Szenen gerne festgehalten und genüsslich geschildert. 

Im Eckpavillon auf der rechten Seite zeigen wir einige Beispiele: 

Das Ladenmädchen auf dem Bild von James Tissot, dessen Blicke sich mit denen des Herrn treffen, der von außen durch das Schaufenster sieht und sicherlich nicht an den Auslagen interessiert ist.

Die Dame in Schwarz auf dem Gemälde von Jean Beraud, die gerade auf die Straße tritt, während im Hintergrund der Szene ein Herr schon interessiert schaut.

Die Dame in Rot auf einem Gemälde von Henri Evenepoel, die sich suchend im Café d´Harcourt umschaut. Wessen Aufmerksamkeit möchte sie in ihrem auffälligen Kleid erregen?

Und noch auffälliger die Dame mit dem großen Fächer im Arm eines älteren Herrn auf dem Gemälde "Eine Frau mit Ambitionen" von James Tissot. Sie hat schon längst alle Blicke der anwesenden Männer auf sich gezogen. 

Mehr noch boten Stätten der Unterhaltung Raum für Zweideutigkeiten:

Die Frau im Zirkusbild von James Tissot ist wohl nicht wegen der Akrobaten gekommen. Was hat ihr Interesse erregt?

Was haben die beiden Männer im Sinn, die sich in der Ballettschule von Edgar Degas auf den Stühlen lümmeln. Auf was haben sie die Ballettschülerinnen taxiert. 

Und warum sind auf dem Gemälde "Maskenball in der Oper" von Edouard Manet nur die Frauen maskiert, während die Männer im üblichen Schwarz gekleidet sind. Besonders die Pariser Oper bot während der Maskenbälle in der Karnevalszeit günstige Gelegenheiten für käufliche Liebe.

Jean Beraud trieb das Thema Doppeldeutigkeit bürgerlicher Moral auf die Spitze, indem er die Begegnung von Jesus und Magdalena im Haus des Pharisäers in die bürgerliche Gesellschaft von Paris im ausgehenden 19. Jahrhundert verlegte. 





In the public space of a city of the 19th century respectable women, occasional prostitutes and professional courtesans were often mixed. Although during the day street prostitution was forbidden, there were in the public space over and over again situations which were equivocal or which could be at least misunderstood. The painters have held on such scenes with pleasure and have described with relish.

In the corner pavilion on the right side we show some examples:

The store girl in the picture of James Tissot whose looks meet those of a man who sees from the outside by the shop-window and is absolutely not interested in the displays.

The lady in black on the painting of Jean Beraud who steps just on the street, while a man in the background of the scene looks already with interest.

The lady in red on a painting of Henri Evenepoel who looks around searching in the Café d'Harcourt. Whose attention she would like to excite in her remarkable dress?

And even more conspicuously the lady with the big fan in the arm of an older man on the painting "A woman with ambitions" of James Tissot. She has already pulled all looks of the present men at herself.


Even more sites of the entertainment offered space for ambiguities:

The woman in the circus picture of James Tissot has not probably come because of the acrobats. What excited her interest?


What have in mind both men who loll in the painting of a ballet lesson by Edgar Degas on the chairs. On what they have estimated the ballet schoolgirls.

And why only the women are disguised on the painting "mask ball in the opera" by Edouard Manet, while the men are dressed in usual black. Particularly the Paris opera offered during the fancy-dress balls in the carnival time favorable opportunities for love for sale.

Jean Beraud did the subject ambiguity of middle-class morality on the point, while he moved the meeting of Jesus and Magdalena in the house of the Pharisee in the middle-class society of Paris in the outgoing 19th century.